Virtuelles Wasser – Wie viel Wasser wir wirklich verbrauchen

Stand: 12/20/2021
Wasser ist das wertvollste ökologische Gut. Es ist von existenzieller Bedeutung für Mensch und Natur. Sauberes Trinkwasser, genug Wasser für die Produktion unserer Nahrungsmittel und für die Hygiene – das sind die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein.

Seit 2011 gab es einige Hitzesommer in Folge, so dass Trinkwasservorräte auch in Deutschland knapp wurden. 2018 verzeichnete das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung einen neuen deutschen Dürre-Rekord. In einigen Regionen war das Trinkwasser so knapp geworden, dass die Behörden strenge Regeln zum sparsamen Wasserverbrauch erstellten. Ein paar Dörfer mussten sogar mit Wassertanks beliefert werden. Niedrige Wasserstände auf den Schifffahrtswegen, ausgemergelte Ackerböden und massive Waldschäden waren auf einmal besorgniserregend.
Die Bedeutung des Wassers steht seither so hoch im Fokus wie schon lange nicht mehr. Das Bundesumweltministerium hatte eigens ein Nationales Wasserforum eingerichtet. Nach einem zweijährigen Dialogprozess mit Fachleuten aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Forschung sowie interessierten Bürgerinnen und Bürgern wurde am 8. Juni 2021 eine Nationale Wasserstrategie mit 16 Kernbotschaften zum nachhaltigen Umgang mit Wasserressourcen vorgestellt. (Informationen siehe unten)

Laut Statistischem Bundesamt lag der Wasserverbrauch in Deutschland 2019 bei 128 Litern je Einwohner und Tag. Damit stehen wir im europäischen Vergleich ganz gut da und sind sparsamer als noch vor 30 Jahren, als der Wasserverbrauch pro Kopf und Tag bei 147 Litern lag. Wassersparende Haushaltsgeräte und Badarmaturen machen dies möglich. Doch mit dem Zählerstand des Wasserwerks ist längst nicht die ganze Wassernutzung eines Privathaushaltes erfasst. Zu dem visuell über Wasseruhren sichtbar gemachten Wasserverbrauch kommt ein virtueller Wasserverbrauch durch den täglichen Lebensmittel- oder Warenkonsum hinzu. Im Durchschnitt liegt dieser zusätzliche indirekte Wasserverbrauch bei 4.000 Litern pro Bundesbürger und Tag, rund 70 Prozent davon stammen aus dem Ausland.

Der Begriff des „virtuellen“ oder „versteckten Wassers“ geht auf den britischen Wissenschaftler John Anthony Allan in den 1990er Jahren zurück. Damit wird die Menge des Wassers beschrieben, die zur Erzeugung eines Lebensmittels in der Landwirtschaft oder zur industriellen Herstellung von Produkten wie Papier, Kleidung, Computer oder Autos benötigt wird. Der Grundgedanke des virtuellen Wassers wurde zum ökologischen „Wasser-Fußabdruck“ („Water-Footprint“) weiterentwickelt und dient heute analog dem C02-Abdruck dem Nachhaltigkeitsvergleich von Produkten.

Die Unterschiede der virtuell berechneten Wasserbedarfe sind beim Vergleich der Lebensmittel sehr groß, wie die folgende Tabelle zeigt:
Produktvirtuelles Wasser (Liter je Kilogramm)
Tomaten frisch1.000
Äpfel1.500
Kartoffeln100
Nudeln600
Reis60.000
Orangen15.000
Orangensaft (Verbundkarton)40.000
Brot (Mischbrot)600
Butter10.000
Margarine (Vollfett)3.000
Tofu7.000
Milch-Ersatz (Sojamilch)3.000
Milch-Ersatz (Hafermilch)300
Milch (ESL, Vollmilch, Verbundkarton)2.000
Käse (Durchschnitt)6.000
Fisch, Wildfang100
Fisch, Aquakultur15.000
Geflügelfleisch4.400
Schweinefleisch4.730
Rindfleisch20.000
Röstkaffee* (1 kg = 125 Tassen Kaffee)18.925
1 Tasse Kaffee*151
Quellen: Guido Reinhardt, Sven Gärtner, Tobias Wagner (ifeu), *Fabian Mehling

In tierischen Lebensmitteln verbirgt sich demnach in der Regel weit mehr virtuelles Wasser als in pflanzlichen Lebensmitteln. Das hängt damit zusammen, dass neben der täglichen Trinkmenge eines Tieres auch der Wasserbedarf der Futtermittel einberechnet wird, die bis zum Schlachtalter täglich verfüttert werden.

Zudem kommt es darauf an, wo und mit welcher Methode ein Lebensmittel erzeugt wird. Beispielsweise werden Obst und Gemüse in Südeuropa auf kargen Böden bei höheren Temperaturen und meist unter Folie angebaut. Ein pflanzliches Beispiel von extrem hohem Wasserbedarf ist der Reis, der überwiegend im aufwendigen Nassreisanbauverfahren erzeugt wird. Wasserverbräuche bei der Verarbeitung von Lebensmitteln kommen hinzu. Und letztendlich wird auch die Verpackung bzw. das Behältnis mit berücksichtigt, da es ja mitgekauft wird.

Bei den tierischen Produkten hat Rindfleisch einen extrem hohen Wasser-Fußabdruck. Hier geht man in der Regel von einer 18 bis 20-monatigen Bullenmast in Stallhaltung aus mit Soja- und Getreidefütterung, was auf das Gros der Schlachttiere zutrifft. Geringer wird der Wasserfußabdruck natürlich bei anderen Haltungsmethoden wie zum Beispiel bei Rindern in nahezu ganzjähriger extensiver Weidehaltung, der sogenannten Muttertierhaltung.

Beim Vergleich des Wasser-Fußabdrucks bei konventionell und ökologisch erzeugten Lebensmittel kommen Bio-Produkte meist besser weg. Dies wird mit der nahezu geschlossenen Kreislaufwirtschaft begründet, denn damit gehen weniger Zukäufe an Produktionsmitteln wie Wirtschaftsdünger oder weniger Importe von Futtermitteln einher.

Werden Lebensmittel, Futtermittel oder Konsumgüter importiert, wird damit im übertragenen Sinne das virtuelle Wasser importiert. Problematisch ist das, wenn die Importe aus wasserarmen Gegenden stammen, z.B. Erdbeeren aus Südeuropa, Kartoffeln aus Israel oder Ägypten, Avocados aus Mittelamerika oder Blumen aus Afrika.

Es macht einen großen Unterschied, ob der benötigte Wasserbedarf in den gemäßigten Klimazonen durch eine regelmäßig ausreichende Niederschlagsmenge gedeckt wird oder ob wertvolle Grundwasserreserven aufgebraucht werden. Teilweise werden durch übermäßige Entnahme von Quellwasser Flüsse zeitweise trocken gelegt. Der globale Handel mit großen Mengen derart produzierter Produkte ist meist sehr folgenschwer.
So ist der von Kasachstan und Usbekistan umschlossene Aralsee, der 1960 noch der viertgrößte Binnensee der Welt war, heute zu nahezu 90 Prozent ausgetrocknet. Verantwortlich hierfür war hauptsächlich die Wasserentnahme in mehreren Anrainerstaaten entlang der Zuflüsse für eine Landwirtschaft mit wasserintensiven Kulturen wie Baumwolle oder Reis. Die Wüstenbildung am Aralsee hat auch das räumliche Klima verändert und viele Menschen abwandern lassen.

Der globale Umgang mit Wasser wird das Bild der zukünftigen Welt prägen. Die Kenntnisse über den virtuellen Wasserverbrauch können helfen, globale Wasserprobleme zu lösen.


Wie sieht also ein wassersparender Einkaufskorb aus?

In einem solchen Einkaufskorb befinden sich
  • regional erzeugte Lebensmittel
  • saisonale Obst- und Gemüsearten
  • ökologisch erzeugte Produkte
  • überwiegend pflanzliche Lebensmittel
  • tierische Lebensmittel möglichst aus Weidehaltung/ Freilandhaltung oder Wildfleisch
  • Faire Produkte, die die indigene Landbevölkerung einbeziehen


Quellen und weiterführende Informationen


Annette.Conrad@dlr.rlp.de     www,fze.rlp.de/ernaehrungsberatung